Die Entdeckung der Langsamkeit

Zugeinfahrt Bahnhof Keleti Budapest

Covid-19 hat uns die Stopptaste drücken lassen. Aber bleibt das danach auch so? Oder kehren wir zur gewohnten Schnelllebigkeit zurück? Von meiner Entdeckung der Langsamkeit auf meiner Reise nach Budapest und was das Zugfahren damit zu tun hat. 

Wumm, wumm, wumm. Immer um die eigene Achse. Immer weiter. Riesige weiße Rotorblätter. Bis zum Horizont. Drehen sich angetrieben von den Launen des Winds. Knapp hinter der österreichischen Grenze. Das prunkvolle Wien haben wir gerade hinter uns gelassen und nach einem Umstieg befinden wir uns jetzt in der ungarischen Einsamkeit. Nur die Rotorblätter der Windränder säumen unseren Weg. Lassen mich in den Spiegel der Moderne blicken, während ich in tiefen Samtsesseln in einem Zug der ungarischen Eisenbahn über die Schienen rattere. Nach fünf Minuten wurde ich bereits von der ungarischen Familie, die sich mit mir das Vierer-Abteil teilt, zum Picknick eingeladen. Kommunikation über Essen funktioniert über die sprachliche Barriere hinaus fast überall. Und mit Nusshörnchen geht das sowieso. 

Züge und Schienen Budapest Keleti Bahnhof
Auf dem Weg zum Budapester Bahnhof Keleti. ©Wild Recreation

Mit dem Flugzeug hätte ich es von München nach Budapest in 1:15 Stunden geschafft. Mit dem Zug brauche ich inklusive Umstieg in Wien knapp sieben Stunden. Preislich unterscheiden sich die beiden nicht sonderlich. Doch würde ich im Flugzeug weit weg von der Realität zuerst von einem abgelegenen Flughafen und abgeschirmten Terminal starten, geht es für mich früh am Morgen mitten in München los. Anreise zum Hauptbahnhof zehn Minuten. Zum Flughafen wäre es mindestens eine Stunde gewesen. Kommt es mir anfangs mühsam vor mit der Aussicht auf sieben Stunden Fahrtzeit in den Zug zu steigen, verfliegt mit der Zeit alles. Mit der vorbei rauschenden Landschaft, rauschen auch die Stunden vorüber. Ich habe meinen Laptop dabei und arbeite. Im Flugzeug hätte ich das maximal eine Stunde machen können, dann hätte ich aus- oder umsteigen, durch die Sicherheitskontrolle und die Weiterfahrt Richtung Innenstadt antreten müssen. Hier ist es fast ein ganzer Arbeitstag. Und ich werde wieder mitten in der Budapester Innenstadt eintrudeln. Nachdem ich meinem Ziel ganz natürlich entgegen gekommen bin. Ich konnte durch das Fenster beobachten, wie wir zuerst fast einmal quer durch Österreich und dann über die Grenze in die Einsamkeit gehuscht sind. Wie sich die Einsamkeit über immer mehr werdende Häuser, Dörfer zu einer Stadt verändert hat und wie ich von Vororten in die ungarische Hauptstadt gereist bin. Tastend meinem Ziel näher kam. Wie die Zugführer zuerst Bayrisch, dann Österreichisch und letztendlich Ungarisch gesprochen haben.

Es ist als würde ich mit dem Fahrrad die Stadt erkunden. Fährt man mit der U-Bahn, steigt man in A ein und wird in B ausgespuckt. Wie sich die Stadt in der Zwischenzeit verändert hat, bekommt man nicht mit. Man rauscht mit bis zu 80 km/h durch den Untergrund. Mit dem Fahrrad bekommt man ein Gefühl für Entfernungen. Für die Strecken. Die Gassen, Pflastersteine und Häuserfronten, die zwischen Start und Ziel liegen. So ist das beim Zugfahren auch. Wie bei meiner Reise im Dezember 2019 nach Budapest. 

Früher wäre ich sofort ins Flugzeug gestiegen und dem Abenteuer entgegen geflogen. Heute stöbere ich mich immer öfter durch die Angebote von Bahn, Öbb etc. Selbst als ich einmal von London aus mit Bahn und Bus zurückfahren musste, war es halb so wild. Dauerte halt nur länger. Erlebt hat man trotzdem mehr. Die Anreise wird zum eigentlichen Abenteuer – zur Reise. So wie früher Interrail. Leider habe ich es nie gemacht, aber oft genug das Ticket im Warenkorb gehabt und mich davon geträumt. Wollte man doch ein Interrail-Ticket nie besitzen, weil man sich bestimmte Städte anschauen wollte. Klar auch. Aber in erster Linie wollte man Abenteuer erleben. Auf der Reise sein. Unbekanntes entdecken und das nicht so schnell wie möglich, sondern so intensiv wie möglich. Und vor allem die Zeit unterwegs maximal auskosten.

Zug in Bahnhof Keleti Budapest
Entdecken wir nach Corona die Langsamkeit wieder für uns? @Wild Recreation

 Manchmal frage ich mich, warum wir verlernt haben mit der Langsamkeit umzugehen. Warum immer alles schneller gehen muss. Internet, Urlaub, Essen. Alles auf einmal und nichts mit Hingabe. Vielleicht lehrt es uns die jetzige Zeit. Pause machen. Innehalten. Wie auch zwei ältere Damen gestern hinter mir auf dem Wochenmarkt festgestellt haben: „Mei, mit Corona geht alles langsamer. Vielleicht merken die Menschen dann, dass es nicht immer so schnell gehen muss.“ Vielleicht ja. Vielleicht muss es danach aber umso schneller gehen. Hat man doch die letzten Monate genügend verpasst. Vielleicht hat man sich aber auch an das Gemächliche gewöhnt. An den Schritt zurück. Mein Ticket für den Nachtzug nach Rom habe ich schon in den Warenkorb gelegt. 

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