Wie der unaussprechliche Vulkan meine Pläne durchkreuzte

Knapp acht Jahre ist es her, dass ein Ausbruch eines schier unaussprechlichen Vulkans in Island fast den gesamten Flugverkehr in Nord- und Mitteleuropa lahm legte. An dem Tag des Ausbruchs bin ich nach England geflogen. Zurück bin ich mit dem Bus gefahren und habe deswegen wohl deutlich mehr erlebt, als eigentlich geplant.

Tagebucheintrag vom 21. April 2010  

Fast 24 Stunden. Nun ja. Eher 22 Stunden und 51 Minuten ist es jetzt her, dass wir in unserer Jugendherberge ausgecheckt haben. Da sind wir noch immer nicht. Langsam kommt es mir vor als hätten wir die umständlichste Strecke gewählt. Zumindest die längste. Aber so ist es ja immer, wenn man übermüdet und vor allem seit über 10 Stunden in einem Bus sitzt. Wohl eher nur auf einem halben Sitz, da sich meine Sitznachbarin den Rest unter den Nagel gerissen hat. „Bloß nicht nachgeben“, dachte ich mir am Anfang noch. Und jetzt sitze ich hier in der Morgendämmerung, kann nicht schlafen und beobachte Atomkraftwerke, die im Nebel an uns vorbei ziehen und die trostlosen Straßen zu dieser Stunde. Oder sind es eher unaufgeregte? Ganz entspannte Straßen? Mit zunehmendem Tageslicht nehmen auch die Häuser am Straßenrand zu. Die Besiedlung wird dichter. Bis wir endlich ankommen. An unserer vorletzten Station. Köln.

Aber von Anfang. Unser Plan war es eigentlich unsere Freundin Fee in London zu besuchen. Kurz über das Wochenende. Am 15. April hin, am 17. wieder zurück. 35 Euro mit Ryan Air. Die umweltfreundliche Variante eben. Nun ja, dem hat ja sowieso dieser unaussprechliche isländische Vulkan einen Strich durch die Rechnung gemacht. Entschleunigung und einfach gehen lassen, war danach das Motto. Dachte sich der Vulkan wohl auch. Angekommen sind wir also am 15. April. Mit der letzten Maschine, die am Flughafen Stansted gelandet ist. Natürlich kommt einem da sofort in den Sinn, dass man doch lieber nicht geflogen wäre, dass man doch gleich alles hätte absagen können und wir nicht das letzte Flugzeug bekommen hätten sollen. Jaja, hätte, hätte. Man muss ja immer irgendwie nörgeln. Dabei hatten wir eigentlich jede Menge Spaß: Wir haben uns mit Cupcakes den Bauch mehr als voll geschlagen, Cider zu unserem all-time-favorite Getränk erklärt, ich habe Fish & Chips wiederentdeckt, wir haben uns in einen Rockstar-Touriguide verguckt, durch Zufall die Abbey Road entdeckt, weil wir uns mit dem Bus verfahren haben, ein Konzert der Paddingtons gesehen (auch eher durch Zufall) und waren auf dem legendären Portobello Road Market. Was man eben so macht, wenn man auf einer Insel gestrandet ist.

Da das durch den Vulkan ja nun mehr Menschen waren, war auch dementsprechend die Atmosphäre etwas angespannt. Der Apple Store, unsere einzige Anlaufstelle mit freizugänglichem Internet, war täglich überfüllt und wir mussten uns an den Computern, iPads und iPhones anstellen, um unseren Flug umzubuchen. Jeden Tag aufs neue. Bis irgendwann deutlich wurde, dass wir so schnell wohl keinen Flug zurück nach München bekommen werden und dass unser Geld so langsam zu Ende geht. Wie wärs mit dem Zug durch den Channel Tunnel? Wollte ich eh schon immer mal fahren. 400 Euro. Da sind die Preise wohl mal eben in die Höhe geschossen. Ach ja und Platz war eh keiner mehr frei. Dann eben Bus. 48 Euro. Dover – Köln. Das nehmen wir. Die Kreidefelsen wollten wir eh auch schon immer mal sehen und so steigen wir am nächsten Morgen in den Bus nach Dover. Zwar fährt unser Bus erst um 23 Uhr nach Köln, aber einen ganzen Tag brauchen wir bestimmt, um uns dort alles anzusehen. Ja, fast. Unser Plan, unser Gepäck am Hafen einzusperren scheitert nämlich an der Tatsache, dass es dort weit und breit keine Gepäckschließfächer gibt. Für mich ist das nicht so schlimm, weil ich eh nur mit einem Rucksack reise, aber meine Freundin hat einen äußerst praktischen Rollkoffer dabei. Ach ja, dann eben mitnehmen. Wir geben unsere restlichen Pfund im Supermarkt für Sandwiches, Chips und Cider aus. Wärmen uns noch in einem Tea House und machen uns dann auf Richtung White Cliffs.

Der Wanderweg ist mit dem Rollkoffer eher ungemütlich und wir kommen nur mäßig voran. Wir erreichen eine Wiese mit Bänken. Mit Blick auf den Hafen und die Cliffs. Hier sind wir ganz allein. Wir packen unser Essen aus, machen ein Picknick, probieren uns durch verschiedene Cidersorten und beobachten den Sonnenuntergang. Hier wirkt alles wie am Ende der Welt. Fähren und Tanker laufen ein. Das Wasser ist grau. Es wirkt fremd und hat nichts von dem tiefem Blau der Ozeane, die ich sonst kenne. Als es dunkel wird packen wir unsere Sachen, verabschieden uns von den Ponys auf der angrenzenden Weide und werfen noch einen kurzen Blick auf die weißen Felsen, die im Mondlicht ganz unwirklich schimmern.

Ab jetzt geht alles ganz schnell. Zeit und Raum scheinen irgendwie zu verschwinden, nachdem wir unsere Plätze im Bus gefunden hatten. Direkt geht es auf die Fähre nach Dünkirchen und anschließend fahren wir weiter durch die Nacht über Brüssel nach Köln.

Wo wir jetzt gerade ankommen. Nun sind wir schon über 24 Stunden unterwegs. Der London-Kurztrip ist schon fast wieder vergessen. Unsere Heimreise ist zur eigenen Reise geworden. Eine Odyssey würde ich es noch nicht nennen. Eher einen Roadtrip. Wir waren unterwegs, haben uns treiben lassen, den Weg zur Reise werden lassen und das Ziel manchmal aus den Augen verloren. Wir haben die Kunst unterwegs zu sein zelebriert. Wir haben Dinge und Orte gesehen, die wir so nicht geplant hatten. Wir haben ein paar Tage Uni verpasst. Egal. Wir waren an den berühmten Kreidefelsen von Dover. Haben den Sonnenuntergang über der Nordsee gesehen, sind viele, viele Stunden Bus gefahren und fahren jetzt noch ein paar weitere mit dem Zug. Genervt bin ich nicht. Eigentlich nur müde. Und neugierig. Vielleicht entdecken wir noch ein paar verrückte Dinge in Köln. Oder auf unseren Zwischenstopps in Frankfurt am Main, Mannheim und Stuttgart? Ein bisschen Zeit bleibt ja noch. Die Reise ist ja auch immer erst zu Ende, wenn man wirklich zuhause ist. Wenn man den Fuß über die Türschwelle setzt. Bis dahin. Ich muss jetzt den Kölner Dom anschauen.

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2 Gedanken zu “Wie der unaussprechliche Vulkan meine Pläne durchkreuzte

  1. Krass, dass der Vulkanausbruch schon 8 Jahre her ist! Ich bin so eben auf deinen Blog gestossen und mir gefällt dein Schreibstil sehr gut. Ich finde es toll, dass du an der langen Heimreise auch das Gute siehst, statt dich darüber zu nerven. Das würde die Sache sowieso nicht besser machen – nur habe ich das Gefühl, dass diese Haltung ziemlich in unserer Gesellschaft verankert ist. Da ist es sehr erfrischend, ab und zu mal eine andere Perspektive zu bekommen.
    Alles Liebe
    Zoey

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    1. Hi Zoey,

      vielen Dank für deine netten Worte. Freut mich total, dass es dir hier auf Wild Recreation gefällt. Ach ja, das stimmt. Heute sind doch alle immer gleich irgendwie genervt, wenn es mal irgendwo nur eine Minute länger dauert oder man einen Umweg nehmen muss. Dabei gibts doch eigentlich immer und überall etwas zu entdecken oder was nettes oder witziges zu beobachten. Und wenn man das so sieht, ist man selbst nicht immer so gestresst und einfach entspannt :-)

      Liebe Grüße
      Lisa

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