Haben wir verlernt Abenteurer zu sein?

Microadventures sind der Trend des letzten Jahres im Outdoorsport. Die These: Abenteuer können wir überall erleben, auch nach Feierabend. Aber warum brauchen wir dafür einen Marketingbegriff? Was ist mit dem Abenteuergeist unserer Kindheit passiert? Eine Spurensuche. 

Es ist 17.42 Uhr. An einem Dienstagabend. Ich bin gerade aus dem Büro gekommen und über Bloomers Outdoors auf einen Blogbeitrag von Nora Beyer gestoßen. „Der Weg nach Panama“, heißt er. Darin geht es um Abenteuer. Ob wir das abenteuern verlernt haben, Mikroabenteuer im eigenen Quasi-Vorgarten der Ausweg aus diesem Dilemma sind und der These, dass Abenteuer immer in unserem Kopf beginnen. Das passt zu meinen Gedanken der letzten Wochen und dem Trend der Outdoorbranche im letzten Jahr: „Microadventure“. Es war wohl das Marketingding im Sommer 2018. Haglöfs, The North Face, sogar Sport Scheck haben zu kleinen Abenteuern vor der Haustür aufgerufen. Zu Alltagsfluchten. Dem Ausbruch aus der Nine-to-Five-Gesellschaft. Und mehr Life in der Work-Life-Balance. Dafür haben sie sich extra Mikroabenteuer-Päpste wie Alastair Humphreys oder Christo Förster als Testimonials geholt.

Aber ist ein Mikroabenteuer nicht genau das Gegenteil von dem Ausbruch aus der Nine-to-Five-Gesellschaft? Ist es nicht vielmehr ein regelkonformes Planen des Feierabends? Ausbruch, Rebellion, Anderssein, ist das doch gar nicht. Wohl eher Zeit- und Selbstoptimierung. „Noch mehr aus seiner Zeit machen“, dieser Satz ist fast in jedem Wortschatz eines Mikroabenteurers enthalten. Steht wahrscheinlich auf der Gebrauchsliste ganz oben. Und beschreibt unser Dilemma doch ganz konkret: Zeit.

Aber woher kommt dieser Drang nach Freiheit, Abenteuer, Entdeckertum?

Ein ständiger On-and-Off-Partner meines Nachttischs ist der Roman „On the Road“ von Jack Kerouac. Die Bibel der Beat-Generation und das Manifest eines jeden Roadtrips. Kerouac hat es 1957 geschrieben. Vor 62 Jahren. In meinem Nachttisch tummeln sich zudem Verwandte von Kerouac: Thoreau, Muir, London, T.C. Boyles „Drop City“, aber auch „Wild“ von Cheryl Strayed. Einer meiner Lieblingsfilme? „Into the Wild“. Alles Bücher und Filme, die über das Aussteigen erzählen. Über ein Leben von und mit der Natur, weit weg von der urbanen Gesellschaft. Aber liegt das jetzt nur an mir? Bin ich diejenige, die vom Ausbruch träumt? Einem Leben jenseits der gesellschaftlichen Normen und des Nine-to-Five-Jobs von Montag bis Freitag? Habe ich mich zu einem verklärten Hippie entwickelt? Oder zeigen uns Magazine wie Walden und Raus!, dass wir an einem Punkt angelangt sind, wo wir wirklich verlernt haben Abenteurer zu sein und eine Print-Anleitung dafür brauchen.

Als Abenteuer (lat.: advenire: „Ankommen“ und adventus: „Ankunft“; mittelhochdeutsch: aventiure) wird eine risikoreiche Unternehmung oder auch ein Erlebnis bezeichnet, das sich stark vom Alltag unterscheidet.

Wir stehen fast jeden Tag zur gleichen Zeit auf, nehmen den selben Weg ins Büro, treffen dort fünf Tage die Woche die selben Kollegen, arbeiten mehr oder weniger an den gleichen Dingen und machen uns abends wieder auf dem gleichen Weg zurück nach Hause. Hin und wieder verabreden wir uns nach Feierabend noch mit Freunden oder gehen ins Fitnessstudio. Oft sind wir dafür aber auch schon zu müde. Dann gehen wir nach Hause, essen und schlafen nach (oder bereits während) einer Netflix-Serie ein. Und das an knapp 220 Tagen im Jahr. Bei solch einem Alltag ist es doch verständlich, dass wir uns auf den Urlaub freuen, den wir seit Monaten geplant haben und der dann zum langersehnten Abenteuer, zum Ausbruch aus dem Alltag, werden soll.

Ist die Zeit unser eigentliches Problem?

Doch ich möchte nicht Montag schon an Freitag denken müssen, daran was ich am Wochenende wieder alles machen kann oder im Sommerurlaub in fünf Monaten. Aber das ist doch auch das Ziel der Mikroabenteurer. Und so bin ich doch wieder bei „mehr aus meiner Zeit machen“. Unser Leben wird immer schneller, vielleicht müssen deshalb auch die Abenteuer immer schneller werden. Während die frühen Entdecker monatelang auf Reisen gingen und sich Henry David Thoreau für knapp zwei Jahre in seiner Blockhütte am Walden Pond aufhielt, können sich heute nur die wenigsten einen zeitintensiven Ausbruch leisten (vom Sabbatical einmal abgesehen, aber auch das muss meist lange geplant und angespart werden). Miete, Auto, Versicherung, alles kostet Geld und dass muss man verdienen. Viele leben dabei noch nicht im sogenannten digitalen Nomadentum, sondern gehen eben jeden Tag in das selbe Büro. Für die Abwechslung sorgt dann das Abenteuer am Abend. Die Übernachtung am angrenzenden See. Eine Mountainbike-Tour auf dem Hometrail. Oder auch nur ein Grillausflug auf eine Insel inmitten der Isar. Vielleicht sollten wir/ich uns nicht von einem Marketingbegriff abschrecken lassen. Meine Streifzüge durch den Park neben dem Haus meiner Oma waren doch nichts anderes. Oder das Übernachten mit Freunden auf der Insel des Baggersees.

„Vielleicht ist der Abenteurer irgendwo zwischen Ausbildung, Instagram und Berufseinstieg auf der Strecke geblieben.“

Und schon sind wir wieder bei dem Begriff Zeit. Als Kind hatte man so viel Zeit, dass einem die tollkühnsten Abenteuer eingefallen sind. Diese Zeit haben wir bei einer mindestens Vierzigstundenwoche heute nicht mehr. Aber sollten wir dann nicht lieber an unserer Zeit arbeiten, als an unserem inneren Abenteurer zu zweifeln? Oder warum diskutieren gerade auch so viele über eine Abschaffung ebendieser Vierzigstundenwoche? Vielleicht liegt darin das Dilemma. In der Gestaltung der Arbeitswelt. Und nicht in uns selbst.

Denn irgendwo in uns steckt er doch, der Abenteurer. Vielleicht wartet er nur darauf rausgelassen zu werden. Nicht nur am Wochenende, wie ein gepflegter Oldtimer. Eher wie ein guter Freund, den man so oft es geht sehen möchte. Dem es nicht vor Regen graut oder Matsch. Der keine Angst vor Mücken hat oder davor durchs Dickicht zu streunen. Der sich im Lichtkegel der Taschenlampe auch einmal im Wald neben dem Haus gruseln kann, der aber ebenso bereit ist für den Sprung in die eiskalte Isar oder das Lagerfeuer an ihrem Ufer. Vielleicht müssen wir nur besser suchen. Vielleicht ist er irgendwo zwischen Ausbildung, Instagram und Berufseinstieg auf der Strecke geblieben. Vielleicht haben wir ihn wie einen alten Turnbeutel in unserem Kinderzimmer vergessen. Vielleicht müssen wir ihm auch einfach mehr Zeit geben. Um sich wieder voll zu entfalten. Schließlich kommen doch auch mit der Langeweile die besten Ideen.

Aber was ist jetzt mit dem Mikroabenteuer? Möglicherweise müssen wir den Marketingbegriff beim nächsten Roadtrip einfach aus dem offenen Autofenster werfen und stattdessen lieber einfach mal machen.

2 Gedanken zu “Haben wir verlernt Abenteurer zu sein?

  1. Raus aus dem Fenster damit! Ich habe den Eindruck man zerreißt sein Leben in zwei Teile, hier das gute Abenteuer, uneingeschränkt strahlend und wild, und dort, huch, der schlechte Alltag, grau, langweilig und konform, wie alle, ih! Man polarisiert das eigene Leben. Ich finde das schöne Leben ist doch irgendwie auch selbst ein ganzes großes Abenteuer. Dazu kann durchaus auch Arbeit gehören, die nicht nur dazu dienen muss, Wohnung, Auto und das Abenteuer zu bezahlen. Sondern die man sinnvoll findet, die einen herausfordert, bei der man mehr lernt. Ich bin für einen integrativen Lebensansatz :)

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    1. Ah so wahr! Eigentlich sind wir doch alle irgendwie auf der Suche nach einem integrativen Lebensansatz und einem Alltag, der mit dem Job schon Abenteuer genug ist! Der Urlaub ist dann eben noch das i-Tüpfelchen…

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