Patagonia’s Vanishing Lines, oder: Warum wir nicht immer größere Skigebiete brauchen

Skifahrerin steht auf Felsvorsprung zwischen Pitztal und Ötztal

Sich gegen Skigebietserweiterungen auszusprechen und trotzdem in Skigebieten Skifahren zu gehen ist kein Widerspruch. Auch nicht für Lena Stoffel und Mitch Tölderer, die sich im neuesten Patagonia Film Vanishing Lines gegen die Gletscherehe von Pitztal und Sölden aussprechen. 

Skifahren und Skigebiete. Das gehört für mich irgendwie zusammen. Wenn meine Kolleginnen und Kollegen im Büro von ihrer letzten Skitour schwärmen und dass sie nur noch abseits von Gondeln und Schleppliften unterwegs sind, dann kann ich nur ungläubig den Kopf schütteln. Denn was für andere beim Mountainbiken der Bikepark ist, ist für mich beim Skifahren das Skigebiet. 

Mein Ski-Ich ist in Skigebieten groß geworden. Früher im Rennkader war es selbstverständlich, dass ich meine Ferien im Winter in Skigebieten verbringe, zwischen den Stangen trainiere und an meiner Technik feile. Später wurden die Lifte genutzt, um die Bereiche der Skigebiete zu erkunden, wo keine Pistengeräte mehr hinkommen oder um nach dem letzten Lift noch selbstständig ein paar hundert Höhenmeter aufzusteigen. Freetouring würde man das heute nennen. Wir haben uns damals einfach eine Bergfahrt gekauft und dann die Felle an die Ski gemacht. 

Lena Stoffel bei Abfahrt im Tiefschnee in Vanishing Lines
Lena Stoffel im Film Vanishing Lines von Patagonia | Foto: Johannes Aitzetmüller

Meine nostalgische Vorstellung von Skigebieten

In Skigebieten habe ich also Skifahren gelernt und mich weiterentwickelt. Deswegen hat meine persönliche Verbindung zu diesen Gebieten wohl auch oft etwas nostalgisches. Denn wenn ich heute an der Talstation stehe und ich nicht die erste Gondel erwische, sondern genau dann ankomme, wenn es alle anderen auch tun, dann gibt es für mich nichts schlimmeres als Skigebiete. Genauso wenn ich an Aprés Ski-Hütten vorbei fahre oder an Gourmettempeln auf über 2.000 Metern. Braucht es doch gar nicht, oder?

Was ich an Skigebieten noch satt habe? Dass viele der Betreiber den Hals nicht voll bekommen. Dass es immer mehr sein muss. Mehr Pistenkilometer. Mehr Gäste. Mehr von allem. Ein Zufriedengeben mit dem Status Quo gibt es nicht. Obwohl doch alles läuft. Alle zufrieden sein könnten. 

Bitte hört auf immer mehr zu wollen

Und so geht es auch Lena Stoffel und Mitch Tölderer. Gemeinsam mit Patagonia haben sie deshalb den Film Vanishing Lines produziert. Dabei geht es um den wohl umstrittensten Skigebietszusammenschluss der letzten Jahrzehnte: die sogenannte Gletscherehe zwischen Ötztal und Pitztal. Die langersehnte Verbindung über die Braunschweiger Hütte, zumindest wenn es nach den Skigebietsbetreibern geht. Mit drei Gondeln und einem gemeinsamen Seilbahnzentrum unterhalb der Braunschweiger Hütte soll das Gebiet rund um den Linken Fernerkogel erschlossen werden. 64 Hektar Pistenfläche kämen auf Karles-, Hangenden- und Mittelbergferner, inklusive Speicherteich und Beschneiungsanlage. Davon lägen 95 Prozent der Pistenfläche auf Gletschern und das größte Gletscherskigebiet der Welt soll dadurch entstehen. 

Baustelle in Skigebiet
Sieht man eine Skigebietserweiterung mit eigenen Augen, dann ist die nostalgische Idee der Skigebiete schnell vergessen. | Foto: Johannes Aitzetmüller

Und ein bisher unerschlossener Naturraum wäre so für immer verloren. Nur wegen ein bisschen Geldgier.

Nein zu Skigebietserweiterungen

Dr. Gerd Estermann von der Bürgerinitiative Feldring sagt zu Vanishing Lines: „Der Film zeigt in eindrucksvollen Bildern den Kontrast zwischen naturbelassener Wildnis und einer von technischen Bauwerken dominierten, hochalpinen Landschaft. Je stärker unser Alltag organisiert und technisiert ist, je mehr unsere Erfahrungen von virtuellen Eindrücken bestimmt werden, umso stärker wächst die Sehnsucht nach ursprünglicher Natur.“ 

Und desto wichtiger ist es für die letzten verbleibenden Naturräume der Alpen aufzustehen. Denn auch Lena Stoffel und Mitch Tölderer sind in Skigebieten aufgewachsen, nutzen die Infrastruktur noch heute. Doch beiden ist bewusst, dass die vorhandene Infrastruktur ausreicht. Dass wir doch alles schon haben und uns einfach nur mit dem Vorhandenen zufrieden geben müssen. 

Also machen wir das doch. Schauen uns vorher noch Vanishing Lines an und erheben dann ebenso unsere Stimme gegen weitere unnütze Skigebietserweiterungen. 

Was wir tun können

Informiere dich in deiner Region, wo du Umweltschutzorganisationen oder NGOs unterstützen kannst, wie du spenden kannst oder dich anderweitig engagieren kannst. Falls du dir unsicher bist, welche NGOs es in deiner Region gibt und welche Organisationen Unterstützung benötigen, dann kannst du dich auch bei Patagonia Action Works informieren.

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