Sinah Diepold über Nachhaltigkeit und den Weg der Mitte

Sinah Diepold auf der Yogamatte

Yogalehrerin, Buchautorin, Unternehmerin, Podcasterin – Sinah Diepold hat viele berufliche Gesichter. Über allem steht aber die Liebe zu unserem Planeten. Ich habe mich mit ihr zu einem Gespräch über Nachhaltigkeit, Verzicht und Vorbilder getroffen. 

Hallo Sinah, wie hat das mit dir und der Nachhaltigkeit eigentlich angefangen?

Mein einschneidendes Erlebnis dazu war, dass ich zweimal zur Modelsaison mit meinem Freund in Kapstadt war. Beim zweiten Mal, als wir dort waren, 2018, war Südafrika kurz vor Day Zero. Durch diese Wasserknappheit gab es im Supermarkt kein Wasser mehr zu kaufen. Und das hat mich so tief erschüttert, dieses Gefühl ich kann kein Wasser kaufen. Ich kannte dann natürlich viele Leute, die da runter geflogen sind und habe das auf Social Media geteilt und meine Follower gebeten: „Liebe Modelfreunde, wenn ihr da seid, bitte nehmt das ernst. Hört auf zu spülen.“ 

Da gabs dann immer den Satz „if its yellow let it mellow, if its brown wash it down“. Und ich habe das mit meinem Freund Lukas auch wirklich alles eiskalt durchgezogen, das war für uns einfach wahnsinnig wichtig. Für mich persönlich war das plötzlich ein Gefühl der Befreiung, dass ich endlich für das einstehe, was eigentlich in mir war. Wo ich mich aber vorher nicht getraut habe, weil man sich schuldig gefühlt hat und man weiß, man verhält sich nicht korrekt, aber irgendwie weiß man auch nicht, wie man es angehen soll. Und das war für mich damals der Moment, als ich das gepostet habe und mich getraut habe ein Statement zu machen. Das habe ich als so positiv empfunden und positives Feedback bekommen und dann für mich entschieden, das möchte ich jetzt mehr in mein Leben integrieren.

Wie ist es dann weitergegangen?

Ich habe mich dann immer mehr damit auseinandergesetzt. Zum Beispiel auch viel mit Plastik. Das sind zwar Dinge, die mich schon davor beschäftigt haben, aber nicht in dem Ausmaß. Umso mehr ich mich damit beschäftigt habe, umso mehr bin ich dann erstmal in eine Phase gefallen, in der ich mir alles verboten habe. Ich habe mich dann auch wirklich in Details verloren, wo ich mir Stress gemacht habe, weil ich mal ein Bonbon gegessen habe, das in Plastik verpackt war. Ich habe dann überhaupt kein Maß mehr gehabt, wie ich damit umgehe, weil ich so ein schlechtes Gewissen gehabt habe, dass ich jetzt alles sofort ändern muss. Damit habe ich auch meinen Freund ganz schön wahnsinnig gemacht. 

Aber das hat sich so richtig angefühlt, dass ich mich immer mehr damit auseinander gesetzt habe und auch festgestellt habe, ich möchte das verkörpern. Und ich habe dann auch echt relativ schnell den Ruf weggehabt, dass ich dafür einstehe. 

Umso mehr ich mich damit beschäftig habe, umso mehr habe ich mir alles verboten.

Sinah Diepold

Was verstehst du unter Nachhaltigkeit?

Versuchen nur so viel zu konsumieren und zu nehmen wie ich wirklich brauche. Nachhaltig bedeutet ja auch, dass es über längere Zeit hält. Es gibt ja zum Beispiel auch eine nachhaltige Freundschaft. Wie pflege ich eine Freundschaft, dass sie lange für einen da ist. Und so denke ich halt auch darüber nach, wie ich die Dinge der Natur konsumiere. Wie kann ich da auf allen Ebenen meinen Footprint, sei es jetzt Plastik, CO2, Giftstoffe etc. minimieren. Ich lebe zum Beispiel nicht Zero Waste, weil das wär ein Fulltime-Job in dieser westlichen Welt oder ich lebe zum Beispiel auch nicht vegan. Ich versuche aber immer zu schauen, welche Entscheidung kann ich fällen, dass es mir gut tut, meinen Mitmenschen, aber auch der Umwelt. Und durch welche Entscheidung hole ich für alle das maximal Positive raus. Ohne mich selbst dabei zu verlieren.

Nachhaltig Leben ist für viele polarisierend. Wurdest du schon mal angefeindet dafür?

Ja, absolut. Bei mir hält sich das noch im Rahmen, weil ich immer versuche sehr neutral zu sein. Vielleicht könnte ich auch ein bisschen direkter sein, weil ich auch immer diese yogischen Prinzipien einfließen lasse. Aber es ist schon so, dass ich zum Beispiel zum Jahreswechsel nach Bali für ein Teacher Training geflogen bin, das ich unterrichtet habe und wegen mir sind zehn bis zwölf Leute auch nach Bali geflogen. Ich habe zu dem Job auch zuerst Nein gesagt, weil ich gemeint habe, dass ich das nicht mit meinem Gewissen vereinbaren kann und habe dann sehr viel versucht darüber zu reflektieren. Und da kamen dann schon so Nachrichten wie „Eine auf Green machen und dann nach Bali tingeln“ und das stimmt ja auch. Aber wenn sich Leute angegriffen fühlen, ist auch Angriff immer die erste Reaktion darauf, vor allem, wenn es um etwas geht, wo wir selber wissen, es ist nicht cool. Ich muss sagen, dass meine Community, die ich mir auf Social Media aufgebaut habe, wahnsinnig positiv ist. Es ist total geil, aber dadurch, dass ich auch immer diesen Weg der Mitte nehme, bin ich nicht zu extrem.

Der Weg der Mitte ist bei Nachhaltigkeit ein gutes Stichwort.

Ja, vor allem was wäre denn das nachhaltigste? Dass wir keine Kinder kriegen, vegan leben und Plastik frei. Nicht reisen, nur mit dem Fahrrad fahren. Wenn das jemanden entspricht, hey go for it, viel Spaß. Im Hambi auf der Hanfmatte leben oder sich für Greenpeace an irgendwelche Bäume ketten. Da habe ich den krassesten Respekt davor und bin Gott froh, dass es solche Menschen gibt. Aber das geht nicht für alle und es ist immer die Frage, ob es mir entspricht. Und deswegen nehme ich diesen Mittelweg. Die Leute, die sich zum Beispiel jeden Tag Coca Cola reinzischen, sich beim McDonalds was holen und dann mit dem Billigflieger durch die Gegend tingeln, Hauptsache nach Malle und schnell mal nach Thailand, die erreiche ich ja gar nicht mehr. Das heißt es muss immer verschiedene Abstufungen geben, weil wir so viele sind und dass ein extremer Weg für alle sowieso nie funktionieren würde. 

Sinah Diepold im Interview
Für Sinah Diepold ist Nachhaltigkeit auch immer ein Weg der Mitte. | Foto: Susanne Schramke

Wie bringst du Nachhaltigkeit in dein Leben, in deinen Alltag ein?

Ich habe z.B. wahnsinnig viel in meinem Haushalt verändert: Ich versuche keine Standard-Wegwerfdinge mehr zu benutzen. Wir haben zum Beispiel keine Küchenrolle, etwas ganz banales, aber ich kann genauso gut einen Lumpen verwenden und den immer wieder waschen. Ich schaue mir immer an, wie kann ich Ressourcen sparen, woraus sind die Dinge, die ich benutze. Oder auch, dass wir waschbare Schwämme nehmen. Ich habe auch irgendwann beschlossen, nicht mehr Fast Fashion zu kaufen. Ich fahre vielmehr Fahrrad oder wenn ich fliege, dann kompensiere ich den Flug. Das ist zwar eine Milchmädchenrechnung, aber es ist halt die Mitte. Ich habe auch für mich entschieden kein Fleisch mehr zu essen, das ist für mich eine reine Umweltentscheidung. Mir hat das immer geschmeckt, aber es ist für mich ein sehr leichter Weg CO2 zu sparen und Tierleid zu minimieren. Und das ist für mich eine klare Entscheidung. Das heißt nicht, dass es für immer so bleiben wird, aber aktuell ist das eine nachhaltige Entscheidung. 

Mittlerweile ist auch spenden Teil meines Alltags geworden. Ich habe Greenpeace-Strom, ich habe mit dem WWF eine Kooperation und mit Cool Earth. Und spenden fühlt sich so krass gut an. Ich überlege aber auch, wo kaufe ich ein. Ich kaufe zum Beispiel nicht mehr bei Edeka ein, sondern nur noch bei Vitalia oder in Bio-Läden. Das ist aber auch etwas, das ich mir bewusst leiste, aber auch leisten kann. Ich kaufe dann dafür aber keine Klamotten und ich gebe wahnsinnig viel Geld für hochwertige Lebensmittel aus. Das ist zum einen nachhaltig, aber auch für mich viel gesünder. Ich kaufe keine Großkonzerne wie Nestle, Coca Cola oder Danone und auch kein Palmöl. Ich bin da sehr streng zu mir, ich erwarte das aber nicht von anderen. 

Ich bin da sehr streng zu mir, aber ich erwarte das nicht von anderen.

Sinah Diepold

Das sind so Dinge, die ich umgestellt habe. Aber ich hinterfrage auch immer, wie ich das verbessern kann. Das stagniert mal eine Weile, dann ist es vielleicht kurz mal bisschen schlechter. 

Beeinflusst das auch deine Entscheidungen als Unternehmerin und Studiobesitzerin?

Ja, sehr krass. Sophia und ich haben vier Säulen auf denen wir Kale & Cake aufbauen und eine Säule davon ist Nachhaltigkeit. Das habe ich damals auch ganz klar mit Sophia kommuniziert, dass das Teil der Firmenphilosophie ist. Ich habe keine Ahnung, wie man das in einem Yogaspace umsetzt, aber wir hinterfragen immer alles. Allein schon so eine Entscheidung wie, wo kommt das Klopapier her. Wir bestellen nachhaltiges Klopapier ohne Plastik. Wir spenden 5% unseres Teacher Trainings an Cool Earth, wir haben jeden Monat ein Charity Event, wo es viel um das Nachhaltigkeitsthema geht. Und wir haben Pflanzen im Studio und nicht überall hinduistische Götter, weil unsere Gottheit eher Mutter Natur ist und Kale & Cake Mutter Natur verschrieben ist. Wir haben Greenpeace Strom, wir kaufen gebrauchte Laptops. So tasten wir uns da ran. Das ist einfach unsere Grundphilosophie. Und wir bringen das Thema natürlich auch immer wieder in unsere Yogastunden ein. 

Sophia Thora und Sinah Diepold von Kale & Cake
Gemeinsam mit Sophia Thora führt Sinah Diepold das BodyMindTheraphy Studio Kale & Cake in München. | Foto: Susanne Schramke

Aber eigentlich ist Yoga ja auch das perfekte Medium dazu, um Menschen das Thema näher zu bringen. 

Absolut. Wenn du ernsthaft Yoga praktizierst, wirst du ja immer feinstofflicher und feinfühliger für Dinge, weil du in Kontakt mit dir gehst. Und plötzlich spürst du auch, wenn ich eine Cola trinke, dass mir das nicht gut tut. Oder dann spüre ich, wenn ich billiges Fleisch esse, dass mir das nicht gut tut. Unabhängig davon, was es für die Umwelt tut, ich bin wieder in Kontakt mit mir. Und wir wissen was gut für uns ist und was nicht. Wenn ich sauer bin, wenn ich jemanden anschreie, das ist nicht gut für mich. Und das ist total spannend, warum Yoga direkt dahin zielt, dass ich wieder in Kontakt mit der Natur komme und ihr dadurch auch weniger schaden möchte. Das ist ja eigentlich das, was so geil ist. 

Früher warst du nie so der Outdoormensch, jetzt schon. Wieso?

Ich habe immer mehr das Bedürfnis danach in der Natur zu sein. Ich habe auch immer gesagt „ach grüne Zimmerpflanzen, wer braucht denn sowas, abgeschnittene Blumen sind schön“ und mittlerweile siehts aus wie im Dschungel bei mir und ich liebe meine Pflanzenmitbewohner. Das ist total spannend, weil ich festgestellt hab, dass diese Suche und dieser Wunsch nach Natur immer stärker wird. Und auch mit Freundinnen nicht im Kaffee rumsitzen und sich schon wieder was reinstellen, sondern ich gehe mit meinen Freundinnen mittlerweile unendlich gerne spazieren und ratschen. 

Glaubst du, dass Menschen die viel Outdoorsport betreiben einen leichteren Zugang zu nachhaltigen Themen haben?

Ich glaube schon, weil wenn man regelmäßig an der frischen Luft draußen und in der Natur ist, dann ist da eine bestimmte Verbindung zur Natur. Und ich glaube, wenn man wirklich diesen Sport, diese Natur liebt, ist der Zugang leichter. Aber auch da muss man sich mit seinen eigenen Fehlern auseinandersetzen und hinterfragen. 

Was gibst du Leuten mit, die sich jetzt erst mit Nachhaltigkeit beschäftigen?

Sich mit der Thematik und auch mit dem unangenehmen auseinandersetzen. Da gibt es ja auch diese fantastische Filmreihe „Planet Earth“. Sich wieder mit der Natur auseinander setzen. Wirklich die Augen wieder aufmachen. Das Gute ist, die Natur wird sich regenerieren. Zur Not wird Projekt Mensch einmal ausgelöscht. Die Natur wird es weitergeben, das ist meine dunkle Seite, die sich innerlich freut. Ich wünsche den Menschen kein Leid, aber wenn wir es nicht checken, lebt die Erde weiter. Also sich die Dokus von Sir David Attenborough anschauen. 

Und: In den eigenen Kühlschrank schauen. Von welchen Firmen konsumiere ich? Palmöl oder Plastik reduzieren. Muss ich das gebleichte Klopapier nehmen oder reicht das Recyclingpapier?

Sinah Diepold über Nachhalitigkeit
Für Sinah Diepold hat Nachhaltigkeit nicht automatisch etwas mit Verzicht zu tun, sondern vor allem mit Priorisierung. | Foto: Susanne Schramke

Muss Nachhaltigkeit immer Verzicht bedeuten?

Nein, finde ich nämlich überhaupt nicht. Sondern Priorisierung. Und Qualität. Nachhaltigkeit hat für mich mittlerweile etwas hochqualitatives. Weil es nicht mehr diese Wegwerf-Gesellschaft ist. Alles, was für mich nicht nachhaltig ist, also lange hält, ist wegwerfen. Und ich möchte doch auch nicht als Mensch als Wegwerf-Produkt gesehen werden. Ich möchte ja etwas langfristiges, etwas nachhaltiges sein und kreieren in dieser Welt. Warum konsumiere ich dann Dinge, die so mal schnell aus dem Fenster geworfen werden und die schlechte Qualität haben, die keine Story haben, keine Substanz. Es fühlt sich vielleicht erstmal in dieser westlichen Welt nach Verzicht an, weil ich mir nicht jeden Tag ein neues T-Shirt kaufe, sondern ich kriege plötzlich wieder Qualität. Und das ist glaube ich das, was ich gelernt habe, Stück für Stück. Am Anfang hat sichs angefühlt wie Verzicht, aber das ist es einfach überhaupt nicht.  

Hast du Nachhaltigkeitsvorbilder?

Ja, natürlich. Da bin ich so dankbar, dass es Leute gibt, die extremer sind als ich. An denen kann man sich orientieren. Zum einen bin ich großer Fan von Madeleine Darya Alizadeh, Dariadaria. Ich finde sie ganz fantastisch. Sie inspiriert mich krass auf ganz vielen Ebenen. Greta Thunberg natürlich auch. Und ich bin ein riesiger Jane Goodall Fan. Diese Frau ist so tiefberührend auf so eine hoffnungsvolle Weise. Zwischenzeitlich habe ich Menschen nicht mehr gemocht, weil ich so mit der Natur gefühlt habe und was die Menschen ihr und den Tieren alles antun. Und Jane Goodall schafft es, dass es wieder menschlich wird.

Vielen herzlichen Dank für das Gespräch, Sinah!

Titelbild: Susanne Schramke

Hier kannst du mehr über Sinah erfahren

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