Womens Pro Camp Bike tragen

Was mir das Women’s Pro Camp in Davos gebracht hat

Women’s Only Camps stand ich bisher immer skeptisch gegenüber. Bis zu meinem ersten. Im September 2019 in Davos. Was ich dort gelernt habe und warum ich jetzt Facebook-Kommentare verstehe.

Schrille, kreischende Popmusik dringt durch den Raum. Bleibt an der Sprossenwand hängen, verliert sich in den Handballtoren und verklingt vollständig in den dicken, kornblumenblauen Turnmatten. Fünfzehn Mädchen wackeln durch die Turnhalle. Versuchen sich abwechselnd im Bändertanz oder in Stepp-Aerobic. Das ist Sportunterricht. In der siebten Klasse eines bayerischen Gymnasiums. Kurz nach der 2000er Wende. Jungs? Sind in der Halle nebenan und spielen vermutlich Fußball. Oder Handball. Jungssportarten eben. Eben? Nun ja, so war das damals. Sportunterricht hieß Geschlechtertrennung. Bis zum Sport Leistungskurs. Da musste ich nicht mehr Bändertanz machen, die Stereotype wurden an der Turnhallentür abgelegt und wir spielten gemeinsam Volley- oder Basketball. Leichtathletik wurde sowieso gemacht und Schwimmen dann auch. Trotzdem würde ich sagen, dass ich sogenannte „typische“ Mädchensportarten gemachte habe: Turnen zum Beispiel, allerdings mehr schlecht als recht. Tennis, recht lange sogar. Und Yoga, das mache ich vor allem heute noch. Wenn wir jetzt also diese Sportarten als typische Mädchensportarten betrachten, stecken wir uns dann nicht selber in eine Schublade? Räumen den Schrank bei Geschlechterdiskussionen nicht komplett aus und sortieren die Schubladen neu, sondern nutzen die gleichen wie auch schon vor 50 Jahren? 

Mountainbikern bei Women's Pro Camp auf Trail
Ein Trail voller Mountainbikerinnen? Das gibt es sonst nicht oft in Bike-Destinationen. | Foto: Madlaina Walther

Und ich muss gestehen: Mir ging es ähnlich. Im Juli 2019 schrieb ich für das World of MTB Magazin einen Artikel zum Thema „Women’s Only“ über Women Bike Camps. Denn ich war bis dahin noch nie in einem reinen Frauenbikecamp, geschweige denn in einem Bikecamp. Ich hatte mal ein kurzes Fahrtechniktraining mitgemacht, in einer gemischten Gruppe. Das wars. Ansonsten hatte ich irgendwie immer ein paar Vorurteile gegenüber Frauencamps: Müssen wir uns im Sport immer noch einmal abgrenzen? Wieso rotten wir uns immer zusammen und können nicht gleich lernen mit Männern und Frauen zu fahren, wie es ja später auf dem Trail auch ist?

Gruppe Frauen an See beim Mountainbiken
Männer unerwünscht? Eigentlich nicht. Manchmal ist aber auch eine Mädelsrunde ziemlich cool. | Foto: Madlaina Walther

Mein erstes Women’s Only Camp

Das war mir auch im oben genannten Beispiel aus dem Schulsport nie klar gewesen. Und doch war ich neugierig. Vor allem, weil alle bisherigen Teilnehmer eines solchen Camps immer davon geschwärmt hatten. Facebook-Kommentare dazu lauteten in etwa: „Vier unvergessliche Tage!“ „Tolle Stimmung!“ „Ich buche sofort wieder!“ Und so weiter. Und dann kam die Einladung von Fiedler Concepts zu ihrem Women’s Pro Camp in Davos Klosters. Fiedler Concepts hat sich auf Sportcamps speziell für Frauen spezialisiert und organisiert so im Winter wie auch im Sommer zahlreiche Events, wie die Women’s Bike Camps. In Davos war ich im letzten Jahr bereits eine Woche und war total verliebt in die Region mit dem eingängigen Slogan „Davos schön ist“ und hatte dort außerdem meinen Traumtrail gefunden.

Bergwelt von Davos
Ganz klar: „Davos schön ist!“ | Foto: Madlaina Walther
Gruppe Womens Pro Camp
Die Teilnehmer des Women’s Pro Camps. | Foto: Madlaina Walther

So musste ich also nicht lange überlegen und hatte mich angemeldet. Vom 26. bis 29. September 2019 hieß es dann also: „Women’s Pro Camp – Shredder the Trails with the top female riders.“ Anreise war Donnerstagmorgen. Untergebracht waren wir im Hotel Grischa. Direkt am Bahnhof in Davos Platz und keine fünf Minuten mit dem Rad zur Jakobshornbahn. Das Viersterne-Hotel ist mit Bikekeller und Bikewash also der Hotspot für Mountainbiker in Davos. Nach einer kurzen Begrüßung ging es direkt in die Gruppenaufteilung und ab aufs Bike. Wir waren insgesamt rund 30 Teilnehmerinnen und teilten uns in drei unterschiedliche Gruppen ein. In die Level 3-, 3+ und 4. Als Guides waren dabei Antje Kramer, Franzi Meyer, Vroni Widmann, Tina Lang, Caroline Nantke oder auch Maria Rank. Ich teilte mich in die mittlere Gruppe ein. Und es passte von Anfang an.

Gruppe Mountainbikerinnen
Ein Teil meiner Gruppe beim Camp. | Foto: Madlaina Walther
Über Schotterfelder gehts hinab
Und eine der vielen, vielen Abfahrten an diesem Wochenende. | Foto: Madlaina Walther

Wir waren alle auf einem ähnlichen Level unterwegs. Manche schneller, manche weniger, manche schon länger auf dem Bike und manche gerade erst gestartet. Franzi Meyer war unser Guide und schon am ersten Tag war klar, dass sie nicht darauf aus war, bloß mit uns die besten Trails zu fahren. Ihr war es ein Anliegen, dass wir im Camp vor allem etwas dazu lernen. Deswegen checkte sie schon auf dem ersten Trail unsere Fahrtechnik und wir feilten an unserer Kurventechnik. Am nächsten Tag ging es weiter. Die Gruppen waren so aufgeteilt, dass wir pro Gruppe meist drei Guides hatten. So nahmen sich bei uns Franzi, Caroline und Joshi die Zeit immer wieder hinter einem von uns zu fahren, unsere Fahrtechnik zu checken und uns während der Fahrt Tipps zuzurufen. Wenn wir mal die Gondel verpasst hatten, übten wir noch einmal die Grundposition oder Bunny Hops. Dazwischen fuhren wir einfach von 10 bis 17 Uhr Mountainbike. Unsere Liftkarte nutzten wir voll aus und uns machte auch der erste Schnee im September nichts aus. Für die passenden Bilder war Fotografin Madlaina Walther dabei. Sie begleitete uns die ganzen Tage auf den Trails und fing das gesamte Camp mit ihrer Kamera ein.

Abends hatten wir noch die Möglichkeit zu einer Yogastunde zu gehen, uns massieren zu lassen oder die langsam müde werdenden Muskeln mit Kinesiotape in Form bringen zu lassen. Und trotzdem hatte man nicht das Gefühl, dass das Campprogramm über voll war. Wir hatten von früh bis spät Ansprechpartner und Zeit uns unter den Teilnehmerinnen auch näher kennenzulernen. 

„Neid gab es nicht, nur Support. Und einfach den Wunsch gemeinsam eine gute Zeit auf dem Mountainbike in der unglaublichen Davoser Bergwelt zu haben.“

Denn auch das war das Interessante: Von der Lebensmitteltechnologin, zur Ingenieurin, Bademeisterin etc. war fast jeder Berufsstand vertreten. Ein bunt gemixter Haufen, der auf dem Trail funktionierte. Und ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass hier Männerhasser dabei gewesen wären. Es waren alles Frauen, die gerne auf dem Rad saßen und einfach mal unter sich sein wollten. Auf so viele Frauen zu treffen, die so gut Mountainbiken konnten war außerdem selten. Und ansteckend. Wenn wir auf glitschig nassen Felsen im Nebel Kurven fahren übten, feuerten wir uns an und analysierten uns gegenseitig. Neid gab es nicht, nur Support. Und Wertschätzung. Sowie einfach den Wunsch gemeinsam eine gute Zeit auf dem Mountainbike in der unglaublichen Davoser Bergwelt zu haben.

Hütte mit Mountainbikerinnen davor
Gemeinsame Brotzeit vor dem Trail? Gehört auf jeden Fall dazu! | Foto: Madlaina Walther
Mountainbikerin auf Weg nach oben
In Davos fällt einem auch das bergauf treten nicht schwer – bei dem Panorama. | Foto: Madlaina Walther
Kurventechnik üben
Franzi schaut sich meine Kurventechnik ganz genau an. | Foto: Madlaina Walther

Da kann ich nur Sabrina Weiss Zitat bestätigen, das sie mir für meinen Artikel in der World of MTB gegeben hat: „Aber wir fühlen uns einfach „besser“, wenn wir unter Gleichgesinnten sind. Frauen pushen sich gegenseitig. Es entsteht eine super Gruppendynamik. Die Frauen feiern sich und andere, auf dem Trail.“ Das hätte ich so nicht erwartet und ich war dann auch ein bisschen traurig als es vorbei war. Wie nach einer Klassenfahrt. Dieses Loch, dass dann entsteht, wenn man am nächsten Morgen realisiert, dass man nicht mit einer Gruppe Frauen auf den Trail startet, sondern sich in den Zug ins Büro setzt. Over and out. Nur das Gefühl der vier Tage hallt noch nach. Oder noch etwas?

Was ich beim Women’s Camp gelernt habe

Denn dass ich nicht nur eine gute Zeit in Davos hatte, sondern auch wirklich etwas für meine Mountainbikefahrtechnik lernen konnte, merkte ich erst als ich über Silvester in Finale Ligure war. Rutschige, verblockte Trails? Machten mir nichts aus. Stellen, wo ich ein paar Monate zuvor noch zögerte und einen zweiten Anlauf brauchte, fuhr ich einfach durch. Ohne Nachzudenken. Oder vielmehr mit dem Gedanken daran, was mir Franzi und meine Gruppenmitglieder in Davos bei solchen Stellen immer gesagt hatten. Dieses Gefühl kam das erste Mal schon in Davos auf, als ich Stellen gefahren bin, die ich mich im Juli noch nicht getraut hatte. Das Camp hatte uns zusammengeschweißt und die Guides haben wirklich einen verdammt guten Job gemacht! Ich habe seitdem mehr Selbstbewusstsein auf dem Trail, schaue nicht mehr als erstes, welcher Fels mir Probleme machen könnte, sondern ganz in Ruhe, wo meine Line ist. Dann sage ich mir, dass ich das in Davos auch gefahren bin, nehme die Ellbogen raus und mache es einfach. Und ich verstehe auch die Teilnehmerinnen der letzten Camps. Denn meine Schublade ist komplett neu geordnet. Ich sage jetzt auch: „Wahnsinns Zeit! Sofort wieder! Wann ist das nächste Camp?“ Zum Glück hat Fiedler Concepts schon die Daten für 2020 veröffentlicht. Und Reschenpass und Winterberg sind ja auch immer einen Ausflug wert. 

Kommende Women’s Bike Camps: 

18.-21. Juni 2020: Reschenpass

20.-23. August 2020: Winterberg

Alle Infos zu den kommenden Camps gibt es bei Women’s Bike Camps.

 

Titelbild: Madlaina Walther

 

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