Where the wild things are

Fragmente aus dem Hier und Jetzt

Da sind sie also. Jetzt stehe ich ihnen gegenüber. Auge in Auge. Von Angesicht zu Angesicht. Weitere Vergleiche, Floskeln, fallen mir nicht mehr ein. Zu massiv ist mein Gegenüber. Zu groß. Übermächtig. Weise. Majestätisch. Ich komme mir klein vor. Gar winzig. Fast nichtig. Sie lassen alles unbedeutend erscheinen. Schließlich haben sie doch ebendieses Alles überdauert. Kriege. Brände. Zeitalter. Jahrtausende. Die ältesten von ihnen sind wahrscheinlich bis zu 3900 Jahre alt. 3900 Jahre. Was in diesen Jahren alles passiert ist. Wir können es mit unserem menschlichen Verstand kaum fassen. Vor allem weil immer alles schneller wird. Kurzweiliger. Stichwort: Zeitoptimierung. Dabei scheint sie hier still zu stehen.

Wenn man ihnen so gegenüber steht, die raue, faserige, rostrote Rinde unter den Fingern spürt, ist alles nur noch in der Gegenwart. Im Jetzt. Ich bin gleichzeitig im Jahr 2009, aber auch im ersten Jahrhundert. Im ersten! Und in der Zukunft. 2018, 30, 50. Werden sie dann immer noch hier stehen? Werden sie uns überdauern? Wie vorgesehen? Oder werden wir auch sie fällen, ihre mächtigen Stämme zu Brennholz oder Gartenstühlen verarbeiten und unsere Terrassen mit ihrem edlen Holz brüsten, während wir ihre Heimat, die Hänge der kalifornischen Sierra Nevada, versiegelt haben, Supermärkte darauf gebaut haben und Einfamilienhäuser? Werden die Zweidrittel der natürlichen Bestände, die heute noch im Yosemite sowie im Sequoia und Kings Canyon National Park und in National Forests unter Schutz stehen, die letzten ihrer Art sein? Steht man so vor ihnen, scheint das unwirklich.

Wie soll dieser Gigant, der Riesenmammutbaum (lat. Sequoiadendron giganteum) oder umgangssprachlich auch Sequoia genannt, der eine Unterfamilie der Mammutbäume ist, zu den Zypressengewächsen gehört und nach dem Cherokee-Indianer Sequoyah benannt ist, der im frühen 19. Jahrhundert die Silbenschrift für die Sprache der Cherokee entwickelt hat, jemals hier verschwinden? Ungläubig lasse ich meine Hand sinken. Lasse mich fallen und tauche ein in diesen Ort. Fernab der Zivilisation. So lange das noch so ist. So lange noch keine Touristen da sind, keine Bauträger, Immobilienmakler und keine Industrie auf der Suche nach fossilen Energieträgern.

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