Wenn die Naivität im Death Valley siegt

Manchmal gibt es die Momente, da denkt man nicht wirklich darüber nach, was man gerade getan hat. Zu was man sich hat überreden lassen. Da siegt die Naivität und der Glaube an das Gute. So wie das eine Mal – im Death Valley.

„Would you guys like to join us for stargazing in the desert?“ – Schon nach dieser Frage hätte uns das Ganze etwas komisch vorkommen sollen. „You guys“, das sind meine Freundin und ich. „Us“, das sind ein Typ namens Kevin und sein Bruder. „The Desert“, ist das Death Valley. Relativ kurz und knapp die Frage und so ist auch unsere Antwort: „Yes, of course!“

Es ist Abend, wir sitzen in dem einzigen Diner der Gegend und ein fremder Typ kommt an unseren Tisch und lädt uns zum “Sternebeobachten” in das nächtliche Death Valley ein. Schon allein bei dem Wort „Sternebeobachten“ sollten bei allen 21-jährigen Mädchen dieser Welt sämtliche Alarmglocken läuten. Nicht so bei uns. Waren wir doch schließlich auf einem Roadtrip. Wollten unsere Semesterferien wild und frei auf den Straßen Kaliforniens verbringen. Dass uns da zwei Typen zum Beobachten der Sterne einladen? Umso besser. Wir folgen ihnen also an ihren Tisch, besprechen die Lage und nach ein paar Minuten sitzen wir in unserem Auto und fahren den zwei Männern nach. Mitten durch die Nacht. Immer tiefer hinein in das Death Valley.

Langsam sind die Lichter des Diner nur noch ein schwaches Schimmern im Rückspiegel. Die Reifen hinterlassen ein leises Knirschen auf der nächtlichen Straße. Letzte Autos am Straßenrand verflüchtigen sich in der Dunkelheit. Immer tiefer fahren wir in das Tal des Todes.

Eigentlich ist es Pflicht sich vor der Fahrt in das Death Valley bei der Nationalpark Verwaltung anzumelden. Zu viele Todesfälle sind bereits vorgekommen. Genauso wie Menschen spurlos verschwunden sind. Wegen der Hitze oder aus anderen Gründen. Deshalb muss man sich bei Betreten/Befahren des Death Valley bei der Verwaltung anmelden und beim Verlassen wieder abmelden. So wird sicher gestellt, dass niemand verloren geht. Haben wir das gemacht? Natürlich nicht. Um elf Uhr abends hatte die Verwaltung ja schon geschlossen.

Mittlerweile sind nur noch unsere beiden Autos auf der Straße. Kein anderer weit und breit. Keine Menschenseele. Kein Tier. Sogar kaum noch Pflanzen. Durch den Lichtkegel unserer Scheinwerfer sieht alles schemenhaft aus. Die Dünen ragen wie stumme Geisterberge in den Himmel. Immer wieder blitzt eine am Straßenrand auf. Die Sierra Nevada ist hier kaum zu erkennen. Auch sie versinkt tiefschwarz in der Nacht.

Wie hypnotisiert haben wir den Blick auf die dunkelroten Rücklichter unserer Vordermänner gerichtet. Sie ziehen uns magisch in ihren Bann. Bis: „Moment, was machen wir hier eigentlich? Wir fahren zwei wildfremden Typen mitten in der Nacht in die Wüste nach!“ Ruft meine Freundin. Ich reiße mich von den Rücklichtern los. „Scheiße!“ Das stimmt. Wie konnte uns das nicht auffallen. Wie konnten wir dieses ganze Unterfangen nicht in Frage stellen? Fremde Männer sprechen uns an einem der entlegensten Orte der Welt an und laden uns ein, ihnen nachts zum „Sternebeobachten“ in die Wüste zu folgen: nachgedacht hat hier keiner von uns. Wir werden panisch. Hätten wir doch bloß unser Pfefferspray von zuhause eingepackt. Das haben wir in München immer brav in der Handtasche. Es könnte uns auf dem Weg von der U-Bahn zur Stadtwohnung ja jemand überfallen. Die Mädchen vom Land.

Hier sitzen wir nun also und starren noch immer auf die Lichter unserer Vordermänner. Nun nicht mehr hypnotisiert, sondern leicht hysterisch. Wir trauen uns nicht rechts ran zu fahren, umzudrehen und in unserem Zelt zu verkriechen. Meine Freundin durchsucht unsere Waschbeutel. Deo, Parfum, eine Haarbürste. Vielleicht schaffen wir es die beiden mit Chanel zu überwältigen. Einen Versuch ist es allemal wert. Auf die Sterne freuen wir uns jetzt nicht mehr. In diesem Moment hinterfragen wir nur unsere eigene Blauäugigkeit. Die Naivität mit der wir blindlings in diese Situation geschlittert sind. Bis die Bremslichter der beiden aufleuchten und ihr Auto am Straßenrand hält.

Ich lenke unser Auto davor. Umklammere mit der rechten Hand mein Deo. Blicke mich um. Tock! Tock! Tock! Wir schreien kurz auf als einer der Männer an unser Fenster klopft. Ganz leicht, nur einen Spalt lasse ich die Scheibe herunter. „We have some donuts! Come get out of the car while we are preparing the telescope!“ Ja, Donuts. Klar. Darauf fallen wir nicht rein. Jetzt klopft er nochmal an die Scheibe. Wir fassen uns ein Herz und steigen aus. Das Deo immer noch in der Hand.

Und tatsächlich. Sein Bruder baut gerade ein riesiges Teleskop auf. Und er selbst hält uns eine Schachtel Donuts entgegen. In rosa, blau, weiß und mit dicken Schoko-Guss. Alles ganz harmlos. Alles halb so wild. Und dabei ist es das größte Teleskop, das ich bis dahin gesehen habe. Es dauert eine Zeit bis alles installiert ist. Alles aufgebaut. Denn hat man das Teleskop einmal kalibriert, zoomt es selbstständig auf den gesuchten Stern hin. So geben die beiden Saturn ein und nach einem kurzen Surren und einem Piepsen, dreht sich das Teleskop selbstständig in die gewünschte Richtung. So groß, so nah, habe ich den Planeten noch nie gesehen. Er sieht tatsächlich ein bisschen aus wie auf dem Logo des berühmten Elektronikmarkts. Die Umlaufbahn – ganz klar und deutlich. Aber dann zoomt das Teleskop auf einen weiteren Stern. Als ich durch den Sucher schaue erschrecke ich kurz. Er schimmert. In vielen verschiedenen Farben. Scheint ständig seine Schattierung zu ändern. Alles gehüllt in einen leichten Glitzer. Betelgeuse, zeigt das Display des Teleskops an. Davon habe ich noch nie gehört.

Mit einem Mal setzt der Sturm ein. Sand prasselt wie feine Nadelstiche auf unsere Haut. Wir packen hastig zusammen. Helfen den Typen das Teleskop ins Auto zu laden und verabschieden uns hastig. Springen in unseren Wagen und versuchen so schnell wie möglich zu unserem Zelt zurück zu gelangen. Betelgeuse immer noch vor Augen. Diesen schimmernden Planeten, dem laut Astronomen eine Supernova bevorsteht. Wir haben ihn gesehen. Mitten in der Nacht. Im Death Valley. Manchmal zahlt sich Naivität eben doch aus.

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