Tommy Caldwell zeigt uns, warum wir Outdoorsportler sind

Film: Durch die Wand       

„Der beste Big Wall-Kletterer aller Zeiten“ – das ist Tommy Caldwell. Der Amerikaner bezwang im Januar 2015 mit seinem Kletterpartner Kevin Jorgeson die Dawn Wall im Yosemite Valley. Red Bull Media House und Sender Films haben das Vorhaben begleitet. Der Film Durch die Wand kommt am 4. Oktober in die deutschen Kinos und zeigt nicht nur atemberaubende Kletteraufnahmen, sondern macht auch deutlich, was wir am Outdoorsport wirklich lieben.

Hast du dich schon einmal während einer Ski- oder Mountainbiketour gefragt, warum du das hier eigentlich machst? Warum du dich bei 30 Grad einen zähen, steilen Forstweg nach oben quälst? Im Bruchharsch dem Gipfel entgegen stapfst oder dein Bike noch 200 Höhenmeter über Schotter und Felsen zum Gipfel trägst? Nicht? Ich schon. Jedes Mal, wenn ich da draußen bin, kommt irgendwann der Moment, wo ich mir diese Frage stelle. An manchen Tagen häufiger, an anderen weniger oft. Eine direkte Antwort habe ich dabei auch nie so wirklich. Es ist mehr so ein Gesamteindruck. Ein Gefühl, das einen umgibt, wenn man nach einem anstrengenden Aufstieg seine Line durch den weichen Powder findet. Wenn der Trail zwar herausfordernd ist, aber gerade so, dass man um sich herum alles vergisst, im Moment aufgeht und es nur noch zählt, ob ich die nächste Kurve eher von links oder rechts fahre. Ein wohliges Gefühl, dass sich nach der Anstrengung einschleicht. Das den Alltag wett macht. Und das man im Englischen ganz einfach mit dem Begriff „stoked“ beschreiben kann. Kurz, dieses Gefühl gibt dem Leben eines Outdoorsportlers Sinn. 

Kevin Jorgeson in der Dawn Wall. Den Namen hat die Wand des El Capitans bekommen, weil sie morgens als Erste von der Sonne angestrahlt wird. ©Corey Rich

Dabei bewegen wir uns immer auf einem schmalen Grat zwischen Hingabe und Besessenheit. Ist es jetzt engagiert, dass ich fast mein ganzes Geld für meine sportlichen Hobbies ausgebe oder schleicht sich da eine leichte Besessenheit ein? Dieser Gedanke kommt mir einmal mehr, als ein Freund mich seinem Kollegen als besessene Mountainbikerin vorstellt. Was heißt das genau? Besessen hat für mich immer einen negativen Beigeschmack. Es klingt nach Rücksichtslosigkeit und Egoismus. Aber das ist Outdoorsport für mich nicht. Er ist Leidenschaft und auch irgendwie Alltagsflucht und Zeitvertreib. Doch manchmal kreuzen sich eben die Wege zwischen Hingabe und Besessenheit. Dann ist der Grad noch schmaler, sind die Tritte brüchig und man selbst nicht ausreichend gesichert. So kann man sich auch schnell verlieren. Ist es im einen Moment noch das Tollste direkt im Hier und Jetzt aufzugehen, kann es im anderen Moment die Flucht vor sich selbst sein. Auch Tommy Caldwell wandert auf diesem schmalen Grat. Die einen nennen ihn und seinen Kletterpartner Kevin Jorgeson deshalb hingebungsvolle Big Wall-Kletterer, die anderen Besessene, die alles aufgegeben haben, um die fast spiegelglatte Dawn Wall am El Capitan im Yosemite Valley zum ersten Mal zu durchklettern. Diese Gratwanderung schwingt auch im Film Durch die Wand mit, der Tommy Caldwell und Kevin Jorgeson bei ihrer Erstbesteigung begleitet.

Tommy Caldwells Leistungen im Yosemite Nationalpark blieben bisher unerreicht und er zählt zu einem der besten Freikletterer der Welt.©Bligh Gillies

Da sitzt man dann im stark klimatisierten Kinosaal, draußen hat es 34°C und auf der Leinwand liegen die beiden Kletterer seit neun Tagen auf ihren winzig kleinen Portaledges – unter ihnen nichts weiter als 400 Meter bloße Granitwand und wer sich jetzt fragt, ja, schon beim Zusehen schleicht sich ein leichtes Gefühl von Schwindel ein – und telefonieren mit einem Reporter der New York Times. Sechs Jahre lang haben sie die Route zurecht gelegt, Griffe ausprobiert und nehmen nun, im Dezember 2014, die Wand in Angriff. Die Route hat 32 Pitches. Ein Pitch entspricht dabei einer Seillänge von etwa 45 Meter. Bis zu diesem Zeitpunkt sind sie acht Tage unterwegs und bei Pitch 15 angelangt. Der schwerste Teil des Aufstiegs. Die New York Times bringt die Geschichte auf den Titel, von da an fiebert die ganze Welt mit den beiden mit. Als weder Big-Wall-Kletterer noch simpler Kletterer möchte man sich hier unweigerlich die Frage stellen: „Wieso das alles?“ 

Medienrummel am Fuße des El Capitan ©Bligh Gillies

 

Kevin Jorgeson wartet auf seinem Portaledge bis seine Finger für den nächsten Versuch von Pitch 15 geheilt sind ©Corey Rich

Aber das lässt der Film nicht zu. Durch die Wand nimmt einen vielmehr mit und lädt zu einer spannenden Geschichte, nach der man keine Ruhe findet und sich selbst sofort auf den Weg machen will. Der Film erzählt nicht nur die Geschichte von Kevin Jorgeson und Tommy Caldwell in der Wand. Er erzählt die Geschichte von Tommy Caldwell: Diesem Jungen, der mit dem Laufen auch das Klettern gelernt hat. Der bei einer Kletterexpedition in Kirgisistan von militanten Islamisten zusammen mit seiner ersten Frau Betty als Geisel genommen wurde und diesen nur entkommen konnte, weil er einen Geiselnehmer von einem Felsvorsprung gestoßen hat. Dem Kletterer, der sich bei der Renovierung seines Hauses seinen linken Zeigefinger an einer Kreissäge abgetrennt hat und dem Ärzte bescheinigt haben, dass er nie wieder klettern wird. Danach wurde er einfach zum besten Big-Wall-Kletterer aller Zeiten. Dem Mann, der nach der Scheidung von Betty die Dawn Wall ins Auge fasste, akribisch an ihr trainierte und in Kevin Jorgeson, einem ehemaligen Boulderer, der bevor er Tommys Kletterpartner wurde noch nie eine Big Wall geklettert ist, einen ebenbürtigen Partner gefunden hat.

Die Dawn Wall ist insgesamt 914 Meter hoch und galt bis Tommy Caldwells und Kevin Jorgesons Vorhaben als unbezwingbar. 19 Tage brauchen die beiden für ihre Route – und leben dabei die ganze Zeit in der Wand ©Brett Lowell
Sechs Jahre haben sich Tommy Caldwell und sein Kletterpartner Kevin Jorgeson auf die Dawn Wall vorbereitet. ©Brett Lowell

Doch macht den Film gerade dieses außergewöhnliche Leben von Tommy Caldwell aus? Jein. Zum einen sind es die Aufnahmen. Direkt aus der Wand, als würde man als Zuschauer auch 400 Meter über dem Boden baumeln und noch 500 weitere Meter puren Granit vor sich haben. Möglich macht das eine besondere Technik: Da im Yosemite Nationalpark keine Drohnen oder Helikopter erlaubt sind, versuchten Tommy und die Filmcrew rund um die Regisseure Josh Lowell und Peter Mortimer eine andere Perspektive zu finden um die Kletterpassagen zu filmen. Dabei erfanden sie ein System, bei dem ein 1.000 Meter langes Seil von der Mitte des El Capitan bis auf halbe Strecke der Wand verläuft. Das konnte von den Kameramännern und Fotografen genutzt werden, um sich ca 50 Meter von der Wand weg zu ziehen. Der Aufbau des Systems ist sehr komplex, fast so, als würde man ein Trapez in 800 Metern Höhe aufstellen, doch der Winkel kommt dem einer Drohne oder eines Helikopters sehr nahe.

Brett Lowell, Director of Photography, während den Aufnahmen an der Dawn Wall in der Seilkonstruktion der Crew © Corey Rich

Was den Film aber wirklich so besonders macht und weswegen ich noch Wochen danach keine richtigen Worte dafür gefunden habe, ist dass Tommy Caldwell uns im Film zeigt, warum Outdoorsport wirklich wichtig ist:

Am Anfang war es nur eine Wunschvorstellung herauszufinden, ob man an dieser Wand überhaupt klettern kann. Dann musste ich durch eine Scheidung, und der Gedanke an die Dawn Wall half mir, den Verlust und Schmerz besser zu verkraften. Das führte im Anschluss wieder zu der Idee, dass an dieser Wand womöglich mehr machbar wäre, als man denkt. Es gibt zu Beginn des Films eine Sequenz über Kirgisistan – ich wurde dort von militanten Islamisten entführt. Während dieser Entführung bewältigte ich Situationen, die ich mir bis dahin niemals zugetraut hätte. Dadurch wurde mir auch klar, dass wir Menschen viel mehr können, als wir glauben. Jedenfalls mehr, als im normalen Alltag von uns abverlangt wird. Seitdem war ich neugierig, was ich noch alles kann und die Dawn Wall feuerte diese Neugier noch weiter an.“ 

Tommy Caldwell zeigt uns, zu was wir selbst und mithilfe des Outdoorsports fähig sind ©Brett Lowell

Genau das macht Outdoorsport (und diesen Film) so besonders. Im Outdoorsport lernen wir uns Dinge zuzutrauen, Neues auszuprobieren und neugierig zu sein. Outdoorsport hilft uns auch über schwere Zeiten hinweg. Für einen kurzen Moment holt er uns raus aus dem Alltag, verspricht Glücksgefühle, lenkt uns nicht nur ab, sondern lässt uns in eine andere Welt eintauchen. Wir können uns besser fokussieren, konzentrieren uns in einem bestimmten Moment auf das wirklich Wichtige und können das oft auch in den Alltag übertragen. Dazu zeigt uns Tommy Caldwell, dass es sich lohnt immer weiter zu machen. Ziele ins Auge zu fassen. An sich zu arbeiten und den Willen zu haben, auch in den schwierigsten Situationen nicht aufzugeben. Ob das jetzt Hingabe oder Besessenheit ist, ist doch fast egal, oder? Solange wir uns auf dem schmalen Grat aufhalten und gelegentlich von Seite zu Seite pendeln. Und wenn wir uns unsicher sind, warum wir das eigentlich alles machen, dann schauen wir uns nochmal Durch die Wand an. Und nochmal. Und nochmal. 

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