Eingehüllt und abgepackt

Verpackungsfrei leben

Im Jahr 2014 fielen allein in Deutschland 17,8 Millionen Tonnen Verpackungsmüll an. Meist bestehend aus Plastik. Es ist bunt und vor allem alles-überdauernd. Mehrere hundert Jahre verweilt es auf der Erde, ist schädlich für Umwelt, Mensch und Tier. Grund genug für die Frage: Funktioniert ein Leben ohne Verpackungsmüll? Ein Selbstversuch.

Hintereinander fallen sie in die Box. Es klingt, als würde man feine Kieselsteine durch die Finger auf Metall rieseln lassen. Kiesel für Kiesel, ein Klackern auf dem metallischen Untergrund. Beim Aufprallen hüpfen sie noch einmal kurz vom Boden ab und finden anschließend ihren Platz. Mit einem Dreh nach rechts versiegt der orange-rote Strahl. Noch ein paar kullern aus dem Spenderbehälter. Ich bringe den Deckel fein säuberlich auf der Box an und gehe zur Kundenwaage. Mit der Taste 109 bestätige ich meinen Einkauf „254 Gramm Rote Linsen“.

Ein Koffer voller Einmachgläser

„Am Anfang ist es schon ein bisschen komisch, alles in selbstmitgebrachten Dosen und Gläsern zu verstauen,“ bestätigt Christine Traub meinen Gedanken. Sie ist Mitgründerin des Ohne Ladens in der Münchner Schellingstraße. Hier gibt es seit 2015 eine Auswahl an trockenen Lebensmitteln, d.h. Nudeln, Reis, Trockenfrüchte oder eben auch Linsen, sowie einige Kosmetikartikel ganz ohne Verpackung. Für mich ist es das erste Mal in einem verpackungsfreien Supermarkt. Für andere hier nicht. Eine Frau kommt mit einem Rollkoffer in den Laden. Sie öffnet den Koffer und vor mir ergießt sich das ganze Ausmaß eines verpackungsfreien Lebens. Er ist voll mit Einmach-Gläsern in verschiedenen Größen, Stoffbeuteln und kleinen Leinensäckchen. Während ich noch ganz am Anfang meines vierwöchigen Selbstversuchs zum verpackungsfreien Leben stehe, habe ich soeben einen echten Profi getroffen.

Willkommen auf dem Plastik-Planeten

Aber um von vorne zu beginnen. Wir leben in einer Welt aus Plastik. Das Material verspricht eine endlose Wandelbarkeit und ist in allen Lebensbereichen anzutreffen. Das Umweltbundesamt geht davon aus, dass Mikroorganismen nicht in der Lage sind Kunststoffe wie Plastik vollständig zu zersetzen. Eine Kunststoffflasche oder eine Wegwerfwindel benötigen demnach bis zu 450 Jahre, bis sie sich in die einzelnen Bestandteile aufgelöst haben. Plastik ist biologisch „inert“, also sehr stabil und löslich, so dass Mikroplastikpartikel zwar kontinuierlich kleiner, aber nicht vollständig abgebaut werden. Eine Anreicherung von Kunststoffen wird daher weltweit an Stränden, in Meeresstrudeln und Sedimenten beobachtet. Die Meeresschutzorganisation Oceana schätzt, dass weltweit pro Stunde etwa 330 Tonnen Plastik direkt ins Meer geworfen werden. So verschwinden Kunststoffverpackungen zwar schnell aus unserem persönlichen Leben, bleiben in den Ökosystemen aber für mehrere 100 Jahre erhalten. Das Problem ist aber nicht nur global zu beobachten, sondern auch direkt vor unserer Haustüre. Den Weg zu einem McDonald’s Restaurant kann man meist schon an den leeren Trinkbechern und Burger-Verpackungen am Straßenrand nachverfolgen und selbst an den naturbelassenen Isarauen in München, markiert die Gesellschaft ihr Revier. Denn wenn ein Grillgeruch über der Isar liegt und erste Rauchschwaden über den Kiesbänken wabern, muss man auch hier nicht lange nach Plastik und Verpackungsmüll Ausschau halten. Arglos weggeworfen bzw. nach dem Grillen einfach liegen gelassen, sammeln sich Chipstüten, Einweggrills, Plastikflaschen und sonstige Überbleibsel eines sommerlichen Abends. Das Müllproblem ist dabei aber die eine Sache. Der Bund für Umwelt und Naturschutz bestätigt, dass in Plastik zahlreiche Schadstoffe versteckt sind, die sich während des Gebrauchs herauslösen können und in die Umwelt und den menschlichen Körper gelangen, sich dort anreichern und die Ursache für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie auch Krebs sein können. Das gibt mir den Anstoß einen Selbstversuch zu wagen und vier Wochen plastik- bzw. verpackungsfrei zu leben.

Plastik- vs. verpackungsfrei

Allerdings stoße ich an dem Punkt zwischen plastik- bzw. verpackungsfrei nach ein paar Tagen an meine Grenzen. Denn wo fängt plastikfrei an und wo hört es auf? Zu Beginn meiner Recherche war ich fest davon überzeugt für vier Wochen auf Plastik zu verzichten. Allerdings wird mir beim Durchsehen meiner Wohnung erst bewusst, was plastikfrei überhaupt heißen würde. Zahnbürste, Fernseher, Laptop, Fotoapparat, Staubsauger, Bügeleisen, Fahrrad-Helm, Ski und natürlich ein Großteil meiner Kleidung, da sie aus Kunstfaser hergestellt ist, sind komplett oder zum Teil aus Plastik. Konsequent plastikfrei zu leben würde bedeuten auf all diese Dinge zu verzichten bzw. sie durch Alternativen zu ersetzen, die ohne Plastik gefertigt werden. Funktioniert zum Teil bei der Zahnbürste. Da habe ich mir eine aus Bambus angeschafft. Vegan und umweltfreundlich aus schnellwachsendem Bambus hergestellt und immerhin mit BPA-freien Nylonborsten. Sie liegt angenehm leicht in der Hand und man fühlt sich gleich ein bisschen abenteuerlustiger. „Back to nature“ kommt mir in den Sinn, als ich das erste Mal mit dem Bambushölzchen meine Zähne putze. Um nicht alle Produkte ersetzen zu müssen, komme ich zu dem Schluss, dass ich in den nächsten vier Wochen auf jeglichen Verpackungsmüll verzichten möchte. Zudem werde ich keine neuen Plastikprodukte kaufen.

Und schon werde ich nervös. Denn der Blick in meinen Kosmetikschrank ist ernüchternd. Make-up-Entferner, Reinigungsmilch, Nagellackentferner, Zahnpasta, Shampoo, Duschgel, alles eingehüllt in eine Schicht aus Plastik. Fröhlich bedruckt, für ein kurzes Leben und anschließende Verwahrung im Mülleimer bestimmt. Aber auch da lerne ich bei meinem Besuch im verpackungsfreien Supermarkt, dass es Alternativen gibt.

Im Verpackungsdschungel

Im Ohne Laden stehe ich vor einem Regal mit Seifenstücken. Lavendel-Lemongras-Körperseife, Aloe-Vera-Rasierseife, Rosen-Haarseife, fein aufgereiht und liebevoll mit einer Banderole aus Papier umwickelt, worauf Inhaltsstoffe und Verwendungszweck vermerkt sind. Für diejenigen, die sich nicht so gern mit einem losen Stück Seife unter die Dusche begeben, gibt es Glas-Kanister mit Shampoo und Duschgel. Alles für normale Haut und normales Haar. Dafür alles Bio und meist auch regional. Ich nehme mir ein Stück Lavendel-Lemongras Körperseife und packe sie in eine Seifendose aus Metall. In eine braune Glasflasche mit Spenderköpfchen fülle ich 250 ml Shampoo. Und in eine zweite Flüssigwaschmittel. Eine dritte befülle ich mit Spülmittel.

Auch das musste ich feststellen. Putzmittel sind allesamt eingetütet in Plastikflaschen. Verpackt und abgefüllt. Selbst umweltfreundliche Putzmittel von Frosch oder Ecover kommen nicht umhin eine Verpackung zu verwenden. Auch wenn sie aus recyceltem Plastik ist. Je mehr ich darauf achte, desto mehr wird mir bewusst, in welche Abhängigkeiten wir uns begeben und wie selbstverständlich ein Wust an Verpackungsmüll geworden ist. Nach einem kurzen Stopp beim konventionellen Supermarkt, stehe ich vor der Kühltheke und weiß nicht, wo ich anfangen soll. Der Käse ist portioniert und eingeschweißt. Der Joghurt ebenfalls und der vorgefertigte Mittagssnack sowieso. Das Bio-Obst und Gemüse ist in Plastik gehüllt, damit es die Kassierer von dem konventionellen Obst und Gemüse unterscheiden können. Hier komplett auf Verpackungsmüll zu verzichten ist schlichtweg unmöglich. Beim Bio-Supermarkt um die Ecke wird es da einem schon leichter gemacht. Reis, Nudeln und Müsli können auch hier in selbstmitgebrachte Behälter abgefüllt werden. Käse bestelle ich an der Theke und lasse ihn mir direkt in meine Alu-Dose geben. Obst und Gemüse gibt es auch ohne Verpackung und Getränke in Glasflaschen. Nur Kosmetika sind auch hier in Plastiktigelchen verpackt.

Die Plastikfreie Zone

Um mehr über das Thema Plastik und plastikfreies Einkaufen zu erfahren, treffe ich mich mit Katrin Schüler, einem echten Profi in Sachen plastikfreiem Leben. Sie führt das einzige Geschäft in München, das ganz ohne Plastik auskommt: die Plastikfreie Zone. Der gemütliche Laden hat eine Auswahl an Edelstahlbehältern, Emaille-Geschirr, Zahnseide im Glasflakon, Naturdeosteinen, Zahnputztabletten im Glastigel oder auch unverpackten Lebensmitteln. „In der Plastikfreien Zone geht es mir darum, einen Ort auf der Welt zu schaffen, der kein Plastik zeigt. Nur so kann dem Kunden auch draußen wieder die komplett verplastikte Welt auffallen und die Massen an neu-produziertem Plastik können reduziert werden,” erklärt Katrin Schüler warum sie die Plastikfreie Zone im Jahr 2014 eröffnet hat. “Ich möchte hier zu Alternativen anregen und interessierte Menschen beraten. Für mich ist das ein Ort für neues Wirtschaftsdenken und eine neue Lebensphilosophie geworden“, betont sie weiter. Zwar ist Plastik ein riesiges Problem der heutigen Zeit, aber Katrin Schüler geht es auch darum, das eigene Konsumverhalten zu hinterfragen: „Bei einem plastikfreien Leben geht es um das grundsätzliche Thema der Reduktion. Denn nur wer weniger konsumiert schont Ressourcen, sei es im eigenen Geldbeutel oder unserer natürlichen Ressourcen.“ In der Plastikfreien Zone kommt jeder vorbei, der Lust hat auf ein bisschen weniger Plastik in seinem Leben. Werdende Eltern, Senioren, Studenten oder Neugierige, die durch Zufall auf diesen Ort in Haidhausen aufmerksam geworden sind.

Einkaufen wird zum Abenteuer

Der Besuch bei Kathrin Schüler ist mittlerweile knapp drei Wochen her. Ich komme gerade vom Einkaufen nach Hause. Mein Rucksack ist voll. Glastigel, Metalldosen, Einmachgläser. Obst und Gemüse lasse ich mir vom regionalen Bauernhof immer donnerstags in der Ökokiste liefern. Manchmal komme ich mir noch vor wie ein Jäger und Sammler. Der Lebensmitteleinkauf wird zum Abenteuer. Nichts wird arglos in den Einkaufswagen geworfen. Jedes Produkt wird inspiziert, abgewogen, verstaut und wie eine Trophäe im Regal präsentiert.

Ich stelle alle Einkäufe in die Vorratskammer. Kosmetika in den Badschrank. Es sieht aufgeräumter aus. Fast alle konventionellen Shampoo- und Duschgelflaschen sind aufgebraucht. Ersetzt habe ich sie durch Seifenstücke und wiederauffüllbare Glasflaschen. Plastikdosen sind noch im Küchenregal. Bis sie kaputt sind, werden sie verwendet und anschließend durch Metalldosen ersetzt. Statt Alu- oder Frischhaltefolie verwende ich jetzt Baumwolltücher, die mit Bienenwachs beschichtet sind, sog. Bee’s Wrap-Tücher. Sie halten Lebensmittel frisch und können immer und immer wieder verwendet werden. Wenn ich keine Lust habe in einen verpackungsfreien Supermarkt zu gehen, bestelle ich in plastikfreien Online-Stores wie Monomeer. „Auf Verpackungen zu verzichten ist relativ einfach und man hat ein viel bewussteres Verhältnis zu den gekauften Produkten,“ erzählt Christine Traub zu Beginn meiner Recherche im Ohne Laden. Nach vier Wochen bin ich an einem Punkt, wo ich das bestätigen kann. Wenn man sich organisiert und voraus plant, ist es recht einfach auf Verpackungsmüll zu verzichten. Außerdem kann man so genau die Mengen kaufen, die man auch wirklich benötigt.

Richtig stringent werde ich es nicht durchziehen, aber zumindest weiterhin versuchen bewusst darauf zu verzichten und es so gut es geht im Alltag umzusetzen. Aber Verpackungsmüll ist wie gesagt das Eine, ein komplett plastikfreies Leben zu führen, da Haushaltsgeräte wie Staubsauger und Bügeleisen oder die Innenausstattung eines Autos immer aus Plastik sind, ist hingegen fast unmöglich. Plastik in Form von Verpackungen und Neuanschaffungen bewusst zu reduzieren ist dagegen möglich, aber etwas Neues ist es nicht.

Meine Großmutter hat das früher schon gemacht. Am Wochenmarkt mit selbstmitgebrachten Dosen. Sie ist nur mit einem Baumwollbeutel zum Bäcker gegangen und hat Getränke in Glas-Pfandflaschen gekauft. Wenn sie Alufolie verwendet hat, hat sie sie danach glattgestrichen und noch einmal benutzt. Dasselbe mit Geschenkpapier. Eine ganze Schublade ihres Wohnzimmerschranks war voll mit glitzerndem, bunten Geschenkpapier. Bedruckt mit Blumen, Christbäumen oder Sternen. Als Kind habe ich mich mit Begeisterung durch das knisternde Papier gewühlt. Ich habe mit den Geschenkschleifen gespielt, mir daraus Haarschmuck gebastelt und sie danach wieder in der Schublade verstaut, damit meine Großmutter sie für den nächsten Geburtstag oder das nächste Weihnachten wiederverwenden konnte. Dafür wurde stets jedes einzelne Geschenk vorsichtig geöffnet und das Klebeband behutsam abgezogen, damit das Papier nicht beschädigt wird. Hätte meine Großmutter diesem Lebensstil einem Namen gegeben? Keinesfalls. Zu kompliziert und zu verkopft, gehörte es doch zur Selbstverständlichkeit ihrer Generation die Ressourcen nicht unnötig zu verschwenden.

 

Mehr Infos zu plastik- und verpackungsfreiem Leben:

  • Das Umweltbundesamt informiert hier über das Thema Abfall und Ressourcen
  • Die Bundeszentrale für politische Bildung zeigt hier den Film Plastic Planet von Werner Boote
  • Tipps zu einem Leben ohne Plastik gibt der Blog Plastikfrei Leben
  • Lauren Singer gehört zu den Pionieren des Zero Waste Lifestyle. Über ihr Leben ohne Müll berichtet die New Yorkerin auf ihrem Blog Trash is for Tossers
  • Zero-Waste-Guru Bea Johnson gibt auf ihrem Blog Zero Waste Home Tipps für einen verpackungsfreien Lifestyle
  • Das Buch Besser leben ohne Plastik von Anneliese Bunk und Nadine Schubert ist ein Nachschlagewerk für alle Einsteiger, bietet aber auch genügend Tipps für erfahrene Plastikvermeider
  • Einfach Zero Waste leben darum geht es bei Agrarwissenschaftlerin und Bloggerin Manuela
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3 thoughts on “Eingehüllt und abgepackt

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