Der Kopf ist ein mieser Verräter

Für die sportliche Betätigung sind mehrere Voraussetzungen notwendig: Kondition, Kraft und Ausdauer, körperlich wie geistig. Der Kopf und vor allem die Willenskraft sind ausschlaggebend. Doch vernünftig ist das nicht immer. Auch der Kopf lässt sich gerne hinreißen.

Meine Beine sind schwer. Ich spüre jeden Tritt. In der Wade, im Oberschenkel, im Hintern. Schweiß rinnt mir über die Stirn. Läuft über meine Schläfen, über meinen Hals und sammelt sich auf meinem Dekolleté. Die Reifen graben sich in den Forstweg. Sinken tiefer und tiefer. Nadeln bleiben an den Stollen hängen. Mir fehlen 2-3 Gänge. Ganz sicher. Wer war nochmal der Typ, der mir den 1×11 Antrieb empfohlen hat?
Die Hitze drückt, die Luft ist stickig und die Sonne brennt mir die Umrisse meines Rucksacks auf den Rücken. Morgen bleib ich im Tal. Ich shuttle maximal einmal. Den Rest des Tages verbringe ich am Campingplatz. Vielleicht mache ich auch einen Ausflug nach Bozen. Ist ja nicht weit. Ein bisschen durch die Gassen bummeln, Eis essen und Touristen auf dem Waltherplatz beobachten. Aufs Fahrrad steig ich nicht.

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Nur noch ein paar Meter. Mein Hintern tut weh. Ich stemme mich auf. Fahre die letzten Meter im Stehen und spüre noch immer die 1500 hm vom Vortag. Da ist er, ein Platz in der Sonne. Die erlösende Käsesemmel und der Müsliriegel zum Abschluss.
Jetzt nur noch ins Tal. Danach in den Pool und nicht mehr bewegen. Protektoren an und los. Den Holy Hansen bis nach Morter. Steilkurve für Steilkurve, Anlieger für Anlieger. Ich fliege über den Trail. Meine Oberschenkel brennen, meine Lunge pfeift. Ein kurzer Push, ein kleiner Sprung. Das Bike federt ein. Kurz anbremsen. Es staubt. Kurve und weiter. Die Wurzeln, der Fels fliegen unter mir dahin. Da ist der Forstweg. Kurze Pause und wieder los. Mein Camelbak ist leer. Schon lange. Wir rollen durch die Apfelgärten zurück. Adrenalin strömt noch immer durch meine Adern. Ich spüre meine Beine kaum noch, kann aber nicht aufhören zu grinsen.

Wenn wir uns jetzt beeilen bekommen wir noch die letzte Gondel und können noch einmal 1000 Tiefenmeter machen. Dass ich vorhin den Forstweg nach unten fahren wollte, ist verflogen. Dass ich sofort zurück ins Zelt wollte, auch. Jetzt stehe ich mit all den anderen Abenteuersüchtigen an der Gondel, um ein letztes Mal den Trail hinunter zu jagen. Die Kugel Vanilleeis mit Eierlikör gibt mir den letzten Schub. Ich bin hellwach, aufgeputscht durch den Zucker. Meine ziehenden Muskeln habe ich vergessen, meine schwindende Kondition auch. Das Adrenalin hat meinen Kopf überlistet. Als wir unten sind bin ich platt.

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Nicht einmal der Teller Nudeln kann mich retten. Doch eines schaffe ich noch. Ich packe die Karte aus und überlege, wohin es morgen geht. Die müden Muskeln vergessen, die Versprechungen und Flüche auf dem Weg nach oben auch. Erfüllt von dem Gefühl auf dem Trail nach unten. Woher kommt das, dass man große Anstrengungen durch das Glücksgefühl verdrängt, süchtig wird? Mit dem Blick vom Gipfel ist alles vergessen und vor allem nach dem Weg nach unten. Vielleicht ist die geistige Verklärung nach körperlicher Anstrengung aber auch nur reiner Selbstschutz des Körpers. Ist das der Sinn von Sport? Ist das der Flow? Oder ist der Kopf einfach nur ein mieser Verräter?

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